Interview März 2011 mit Matej Minac

Wann und wie haben Sie von Nicholas Wintons beispielloser Rettungsaktion erfahren?

Ende 1997 während der Vorbereitungen zu meinem ersten Spielfilm All My Loved Ones recherchierte ich das Schicksal der Angehörigen meiner Mutter im Zweiten Weltkrieg. Ganz zufällig stieß ich in der Bibliothek des Jüdischen Museums in Prag auf das Buch The Pearls of Happiness. Darin erinnert sich die Autorin Vera Gissing wie sie mit elf Jahren eine unerwartete Reise nach England unternahm, organisiert vom Engländer Winton, der ihr so das Leben rettete. Ihre Eltern kamen in Konzentrationslagern um. In Großbritannien wuchs sie bei Adoptiveltern auf und besuchte die tschechoslowakische Schule in Wales. Ich bekam Gänsehaut. Zuhause schrieb ich sofort an einem Treatment für einen Film, der diese Rettungsmission von Nicholas Winton thematisiert.

Wie verlief ihr erstes persönliches Treffen mit ihm?

Dank unglaublicher Zufälle kam ich an Wintons Privatnummer. Im Februar 1998 besuchte ich ihn erstmals in Maidenhead bei London. Ich war sehr nervös. Nie zuvor hatte ich einen echten Helden persönlich kennen gelernt, sondern immer nur Filme über Helden gesehen oder in Büchern von ihnen gelesen.

Die Tür ging auf und ein ganz normaler Mann begrüßte mich, der keineswegs aussah wie knapp 90 Jahre alt. Wir unterhielten uns lange. Er war sehr sympathisch und hatte diesen typischen trockenen britischen Humor. Schon während dieses Treffens war mir klar, dass es nicht bei einem Spielfilm bleiben würde. Meine Dokumentarfilmerseele wollte auch einen Dokumentarfilm über diesen außergewöhnlichen Mann machen.

Dann erzählte ich Patrik Pašš etwas, das ihn umhaute. Nicholas Winton hatte auch den britischen Filmregisseur Karel Reisz gerettet. Zuerst konnte er das nicht glauben und fragte immer wieder, ob ich wirklich denjenigen meinte, der das berühmteste Buch zum Filmschnitt geschrieben hatte. Nach der Lektüre dieses Buches hatte Patrik nämlich entschlossen, Filmcutter zu werden. Ich zeigte ihm einen Ausschnitt aus einer BBC-Talkshow, in der Nicholas Winton seine geretteten Kinder zum ersten Mal wieder sah. Patrik war tief gerührt, was mich freute. In diesem Augenblick hatte ich den wertvollsten Projektpartner und Freund für das Vorhaben gewonnen. Wir beschlossen, den Dokumentarfilm zu drehen.

2002 produzierten Sie und Patrik Pašš den einstündigen Dokumentarfilm Nicholas Winton – The Power of Good, der einen Emmy, einen Christopher Award und zahlreiche weitere renommierte Preise auf Festivals weltweit gewann. Noch bemerkenswerter sind aber die durchwegs positiven Reaktionen bei jungen Leuten. Hatten Sie so ein starkes, positives Echo erwartet? Wie kam es zustande?

Es war gar nicht unsere Absicht einen Film für die Jugend zu machen. Wir wollten nur eines: Wintons Geschichte erzählen, solange er noch am Leben ist, so dass die Welt ihm danken kann. Wir fanden es vollkommen undenkbar, die Geschichte ganz in Vergessenheit geraten zu lassen. Damals wussten ja nur wenige überhaupt davon. Im Internet wurde Nicholas Winton nicht einmal erwähnt.

Aber die Ereignisse nach dem Erscheinen des Films überraschten uns dann doch sehr. Der britische Premierminister Tony Blair schaute ihn an und empfahl Königin Elisabeth II. Nicholas Winton zum Ritter zu schlagen. Aufgrund des Films verabschiedete der US-Kongress eine Resolution, in der Wintons Rettungsmission als heroischer Akt bezeichnet wird, was die größtmögliche Ehrung in den USA ist. Winton wurde auf der ganzen Welt ausgezeichnet. Er wurde zum Star und war zu Gast bei vielen Staatschefs, gekrönten Häuptern und Ministern.

Und auch wir hatten Glück. Wir erhielten die höchste Fernsehauszeichnung der USA – den International Emmy Award für den besten ausländischen Dokumentarfilm – und unser Koproduzent HBO nominierte uns 2006 kurioserweise für einen weiteren Emmy für den besten Amerikanischen Dokumentarfilm. In dieser Kategorie wurden wir nominiert. Der Film lief auf sage und schreibe 89 Festivals!

Aber all das ist nichts im Vergleich zu den Reaktionen der Kinder und Jungendlichen. Buchstäblich Millionen von Kindern von Afrika bis Amerika sahen diesen Film, in Gegenden, in denen man weder von Hitler noch vom Zweiten Weltkrieg je gehört hat. Aber trotz alledem waren die Schüler, kleine Kinder und Gymnasiasten gleichermaßen zu Tränen gerührt.

Viele starteten daraufhin eigene Wohltätigkeitsprojekte. Möglicherweise enthält Wintons Geschichte einige besondere Zutaten, die so ein unglaubliches Wunder bewirken können. Vielleicht haben Sie eine andere, rationale Erklärung dafür, aber ich glaube tatsächlich, dass Elfen mit ihrer Magie die Zuschauer verzaubern.

Durch den Film The Power of Good wurden mehrere pädagogische Programme ins Leben gerufen – die tschechische Version leitete Zdenek Tulis, die amerikanische Charles Gelman der tschechische Honorarkonsul in Philadelphia, Petr Rafaeli (allein in den USA, wurde der Film einer Million Schülern gezeigt). Der Film und das Buch zum Film The Lottery of Life wurden an Zehntausend britische Schulen verteilt, etwa ebenso viele in Deustchland, Australien, Österreich, Frankreich, Kanada, Neuseeland und der Slowakei. Dort wurde der Film 2008-9 insgesamt 4000 Schülern in 33 Schulen vorgeführt. (80 slowakische Schüler nahmen daraufhin an einem multimedialen Wellbewerb Teil.) Gerade planen wir, das Projekt erneut in der Slowakei zu starten. Derzeit läuft es in Dänemark an, der tschechische Botschafter Zdenek Lycka vertritt es dort. Erstaunlicherweise läuft das Projekt sogar in so abgelegenen Teilen der Welt wie der Dominikanischen Republik. Insgesamt ist es in 30 Ländern vertreten. Und aus all diesen Ländern hören wir von Schülern, die ihr eigenes kleines Wohltätigkeitsprojekt aufbauen wollen. Man bedenke, dass wir überhaupt nicht an die Reaktion der Kinder dachten, als wir Power of Good produzierten.

Was gab den entscheidenden Anstoß NICKYS FAMILIE zu drehen? Die Dreharbeiten begannen 2006. Weshalb entschieden Sie sich für ein Dokudrama?

Während der Arbeit an den Winton-Filmen wurden wir Filmemacher zu Zuschauern. Wir sind ständig überrascht darüber, was geschieht. Bevor The Power of Good in New York anlief, waren die Organisatoren sehr besorgt. Die Premiere sollte im Symphony Space am Broadway stattfinden. Sie waren überzeugt, dass so ein Film den Saal mit seinen 1100 Plätzen niemals füllen würde. Und so gaben sie die Karten in den Direktverkauf. Aber dann druckte die New York Times eine sehr wohlwollende Kritik ab und schrieb, dass Nicholas Winton zur Premiere kommen würde. Binnen zwei Stunden waren die Karten ausverkauft und die Organisatoren hatten keine Tickets für Botschafter, den Ex-Präsidenten Clinton und Bürgermeister Michael Bloomberg. Nie werde ich ihren Gesichtsausdruck vergessen, als sie mir sagten, wie sie das Problem gelöst hätten. Sie setzten Bloomberg mit seinen Bodyguards zu den Feuerwehrleuten. Von den Plätzen aus sehe man zwar nichts, aber wenigstens müsse er so nicht stehen… Diese Art von Problemen hört man natürlich gern. besonders dann, wenn man einen kleinen Film gemacht hat, an den man keine große Erwartungen knüpft.

Einen dritten Winton-Film machten wir vielleicht, weil wir selbst nur Zuschauer sind, und uns der Lauf der Dinge ebenfalls überrascht hat. Alles hängt mit unserer Entscheidung zusammen, das Winton-Thema mit dem zweiten Film anzuschließen. (Ich persönlich träume ja schon mein Leben lang davon wie Woody Allen Komödien zu drehen. Winton ist nur ein Umweg zu dem, was ich am besten machen kann – lustige Filme). Aber die ersten beiden Winton-Filme setzten eine Kette von Ereignissen in Gang. Wir stießen auf unglaubliche Geschichten der Winton-Kinder. Und junge Leute begannen in Anlehnung an Winton Wohltätigkeitsprojekte. Darüber hinaus feierte Winton im Mai seinen 102. Geburtstag und es ist sehr spannend seine Reaktion auf all die Geschehnisse einzufangen. Und dann gab es noch einen ganz banalen Grund. 2002 zeigten wir Harvey Weinstein vom Miramax Studio The Power of Good in New York. Er fand, dass jeder diesen Film sehen müsste und wollte den US-Vertrieb übernehmen. Wir nahmen sofort Vertragsverhandlungen auf, hatten aber das kleine Problem, dass unser Film nur eine Stunde lang war und wir eine 90minütige Kinofassung brauchten. Wir versuchten, den Film zu verlängern, aber dadurch verlor er seinen Zauber. Am Ende vereinbarten wir mit HBO einen Deal für den Fernsehvertrieb. Und als dann all die merkwürdigen Dinge geschahen, stellten wir fest, dass wir genügend Material für zwei Abend füllende Filme hatten.

Spielszenen und Reenactments sind im heutigen Dokumentarfilm modern, zudem macht mir Spielfilmregie Spaß. Mit NICKYS FAMILIE wollen wir die Winton-Serie abschließen. Wir wollten, dass die Bilder zu der ganzen Geschichte in die Kinos der Welt kämen.

Wie reagierte Sir Winton auf dieses Vorhaben?

Patrik und ich pflegen ein sehr freundschaftliches Verhältnis zu Nicky Winton, er freut sich immer, uns zu sehen. Noch mehr würde er sich freuen, wenn wir ohne Kamera kämen. Aber ich glaube, er freut sich darüber, dass wir so viele „Winton-Kinder“ gefunden haben und dass seine Geschichte junge Menschen inspiriert. Aber das können Sie im Film sehen.

NICKYS FAMILIE beschreibt die Schwierigkeiten der Rettungsmission und erzählt auch die Geschichten von erst kürzlich aufgespürten Winton-Kindern. Wie sind sie auf sie gestoßen?

Das ist ein Abenteuer. Aber anders als die Entdeckung unbelebter Dinge, haben wir hier etwas Lebendiges, das auch die Zukunft direkt beeinflusst. Wenn wir ein gerettetes Kind finden, kommt es meist zu einem Treffen mit Mr. Winton. Da die meisten Winton-Kinder alle ihre Angehörigen im Zweiten Weltkrieg verloren haben, wird der 102jährige Winton fast so etwas wie ihr Ehrenvater und Ehren-Großvater ihrer Kinder. Das nervt Winton manchmal. Oft sagte er zu mir: „Matej, da du mich so bekannt gemacht hast und mir so viele Menschen schreiben, wenn sie ein neues Enkelkind bekommen oder wenn sie Probleme haben, oder wenn ein Sohn heiratet, solltest du mir eine Schreibkraft bezahlen, die die ganze Korrespondenz erledigt.“ Aber in seinem tiefsten Innern ist es natürlich eine große Freude und Bereicherung für ihn, da bin ich mir sicher.

Der Film enthält Archivmaterial zum „Winton-Zug“, der am 1. September 2009 mit einigen geretteten Kindern vom Prager Wilson-Bahnhof nach London fuhr, wo Nicholas Winton sie erwartete. Ist es nicht schwierig, so ein außergewöhnliches Event zu planen?

Nicht ich habe den „Winton train“ organisiert, sondern Zbynek Honys von der tschechischen Bahn. Ihm gefiel The Power of Good so gut, dass er und seine Kollegen mehrere Jahre lang die Fahrt dieses Gedenkzuges planten. Am 1. September 2009 fuhr er dann tatsächlich in Prag ab und wurde zum symbolischen letzten Zug mit 250 Kindern, der wegen des Kriegsausbruches vor 70 Jahren nicht abfahren konnte. Der „Winton-Zug“ gedachte dieser Kinder und ihrer Eltern. Die Ankunft in London war unglaublich – ein Fan-Aufgebot wie für Michael Jackson. Alle wichtigen Medien waren vertreten, Fernsehteams und hunderte Reporter berichteten über den Event. Wenn man bedenkt, dass nichts von alledem geschehen wäre, wenn wir diese Geschichte nicht ein paar Jahre zuvor ausgegraben hätten… Vielleicht ist Filmemachen am Ende doch sinnvoll.

Wie viele Jahre brauchten die Dreharbeiten und welche Schwierigkeiten gab es? Erinnern Sie sich an den schönsten und den schlimmsten Moment?

Als ich ein kleiner Junge war, wollte ich Archäologe werden. Ich wollte wie Heinrich Schliemann Troja entdecken. Und interessanterweise ist mir genau das geglückt. Wintons Geschichte war wie die Entdeckung von Tutanchamuns Grab. Und es gibt noch immer viel zu entdecken. Uns fehlen noch immer 400 Kinder von der Liste.

Ich erinnere mich noch gut an den kalten Schauer, der mir den Rücken hinunter lief. Im September 2008 bereiteten meine Produktionsleiterin Jana Gospicova und ich den Reenactment-Dreh vor. Eine der wichtigsten Szenen spielt 1939 am Wilson-Bahnhof als die Kinder sich von ihren Eltern verabschieden. Wir bauten die Szene auf einer Anekdote auf, derzufolge eine Mutter sich nicht von ihrer kleinen Tichter lösen konnte. Sie hob sie aus dem Zug, umarmte und küsste sie. Als der Zug anfuhr hob Sie sie wieder in den Zug und rettete so ihr Leben.

Eines Tages rief mich Martin Kubala, der Kameramann mit dem ich gern arbeite (der nur den Fehler hat, das er nie Zeit hat) an. Er hatte drei Wochen frei. Wir fuhren also schnell in die USA, um Interviews mit eineigen Winton-Kindern zu drehen. Wir begannen mit Alice Masters in Washington, DC. Und sie erzählte: „Am Bahnhof zog meine Mutter meine kleine Schwester durch das Zugfenster aus dem Zug. Meine Schwester weinte, meine Mutter auch und ich rief: behalt sie, behalte sie!“ Da ertönte der Pfiff und der Zug fuhr ab. Meine Mutter rannte neben dem Zug her und wusste nicht, was sie tun sollte, aber im letzten Moment hob sie sie wieder in den Zug…“ Ich bekam Gänsehaut. Plötzlich erwachte diese Geschichte, bis dahin nur eine Anekdote, zum Leben – und war sogar noch dramatische! Sofort rief ich Jana Gospivová an, beschrieb ihr die ganze Szene, und sie bereitete sie wahrheitsgetreu vor.

Ich erinnere mich an noch eine Geschichte, die große Emotionen in mir auslöste. Die ersten 25 geretteten Kinder waren ja nach Schweden geflogen worden. Und wir machten uns dort auf die Suche nach ihnen. Tatsächlich fand ich eines – Hanuš Weber. Wir unterhielten uns über seine Mutter, Ilze Weber und deren Märchen. Sie war eine wunderbare Kinderbuchautorin. Er erzählte, dass die Kinderlieder im Konzentrationslager Theresienstadt komponierte, weil das die einzige Art war, wie sie ihnen helfen konnte. Als Kinder aus Theresienstadt nach Auschwitz transportiert werden sollten, boten sie und ihr Sohn an, sie zu begeleiten, so sehr sorgte sie sich um sie. Als sie ankam, wurden sie sofort per Selektion in die Gaskammer geschickt. In der Gefangeneneinheit begegnete sie einem Freund der Familie. Er musste Leichen wegräumen. Als sie sich auszogen, sagte er zu Frau Weber: Das ist eine Gaskammer. Sobald Ihr drin seid, setzt euch in eine Ecke und singt. Dadurch werdet ihr mehr einatmen und schneller sterben und weniger leiden.“ Sie sang mit ihnen das Wiegenlied Wiegala, das hatte sie in Theresienstadt geschrieben. Nach dem Krieg fand sich das Lied dort. Dann spielte Hanuš mir eine Aufnahme mit Liv Migdal vor. Ich verlor die Fassung, war sprachlos, hatte Tränen in den Augen… Dieses wunderbare Lied war eine Botschaft aus der Hölle.

Sie drehten in der Slowakei, in Tschechien, Kambodscha, Kanada, Israel, Dänemark und Ungarn, insgesamt 450 Stunden Material. Wie war die Arbeit im Schnittstudio, wie trafen Sie eine Auswahl aus so vielen Bildern?

Zu Schneiden war entsetzlich. Ohne mein Team hervorragender Cutter – Alena Spustová, Robo Cuprík und natürlich der Chefcutter Patrik Pašš (der auch der Co-Produzent und Co-Autor des Films ist) – wäre ich dem Material buchstäblich ertrunken. Aus dem Material könnte man mehrere Filme über die Winton-Kinder machen, ich wäre da aber nicht mehr mit von der Partie… Hier ein paar Fakten: Wirt drehten sechs Jahre lang, zusammengerechnet mit älteren Aufnahmen waren es insgesamt zehn Jahre. Wir verbrachten insgesamt 4000 Stunden im Schnitt- und Tonstudio. Das 167 24-Stunden-Tage!

Welche Phase mögen Sie persönlich am liebsten – Drehbuchschreiben, Location-Auswahl, Casting oder den Dreh selbst…?

Ich mag alles, sonst wäre ein Leben als Filmemacher ja unerträglich. Man steht ja immer unter Zeitdruck und sagt sich: wenn ich mehr Zeit hätte könnte ich dies oder jenes besser machen… Aber Filmemacher haben immer Stress mit Abgabeterminen. Andererseits sorgen genau die aber dafür, dass wir überhaupt je fertig werden.

Wie sehr veränderte das ständig anwachsende Material Ihr ursprüngliches Filmskript?

Die Ursprungsidee entstand als Patric und ich auf dem Rückflug von einem Besuch bei Nicholas Winton waren. Sie hat sich nie geändert. Wir wollten zeigen, dass vergessene Ereignisse von vor 70 Jahren bis heute ein Beispiel geben können und Menschen darin unterstützen können, eine bessere Zukunft zu gestalten.

Nach welchen Kriterien wählten Sie die Schauspieler für die nachgespielten Szenen aus?

Ich wollte keine Starschauspieler für die Rollen von Winton und den Eltern besetzen. Mit einer Ausnahme. Klára Issová spielt die zweifelnde Mutter am Bahnhof. Ehrlich gesagt kann ich mir keine andere Schauspielerin bei uns vorstellen, die diese Rolle so hervorragend wie sie verkörpern hätte können.

Die Familie von „Wintons Kindern“ wächst ständig. Mit wie vielen davon sind Sie im Kontakt?

Ich bin mit etwa 50 von ihnen in Kontakt. Aufgrund der Arbeit an unserem Film kenne ich ihre Geschichten besser als jeder andere. Immer wenn ein neues „Kind“ auftaucht, freuen wir uns sehr. Ein solcher Fall war höchst ergreifend. Bei einer Fragestunde mit Zuschauern des Filmfestivals San Diego erzählte mir ein Zuschauer, dass er 1939 im Alter von 6 Monaten nach England reiste. Er wusste aber nichts Näheres und fragte uns, wie er an Informationen kommen könnte. ich erklärte ihm, dass wir manche Dinge an Ort und Stelle klären könnten : ich schlug Wintons Notizbuch auf und fand darin seinen Namen, Geburtsdatum und weitere Informationen. Nachdem ich alles vorgelesen hatte errötete der Mann und verließ den Raum. Am folgenden Tag trafen wir ihn beim Mittagessen. Er entschuldigte sich bei mir und erklärte, alles sei so überraschend für ihn gewesen und er habe nicht vor all den Zuschauern wie ein kleines Kind weinen wollen. Wir riefen Nicky Winton an, und er dankte ihm dafür, sein Leben gerettet zu haben. Die große Winton-Familie war wieder ein Stück gewachsen…

Was ist ihrer Meinung nach die Hauptbotschaft ihres Films?

Ich mag solche Worte nicht, da ihnen ein gewisses Pathos anhaftet. Oft denken Filmemacher mehr über die Botschaft nach als über die Story selbst. Mir ist aufgefallen, dass jede gute Geschichte an sich über eine Botschaft verfügt. Nehmen wir biblische Geschichten, die Geschichte von Adam und Eva, den Sündenfall. Man kann sie auf tausend verschiedene Arten auslegen, aber inspirieren wird die Geschichte die Menschen immer. Die Tatsache, dass Wintons Geschichte bis heute lebendig ist und Menschen dazu bringt, sich für eine bessere Welt einzusetzen, ist für mich in erster Linie eine gute Geschichte, die die Menschen hoffentlich inspirierend finden werden.

Sie sprechen im Zusammenhang mit den Reaktionen auf Wintons Taten häufig davon, wie das „Virus des Guten“ viele Menschen angesteckt hat. Welche gute Tat dieser Menschen hat Sie besonders beeindruckt?

Gute Taten kann man ja nicht so einfach messen. Wenn ein kleines Mädchen ihre Haare zu einer Perücke für einen Krebspatienten verarbeiten lässt oder wenn junge Leute Kinder in der dritten Welt vor dem sicheren Tod retten, was ist mehr? Jede gute Tat zählt und belohnt denjenigen der sie leistet mit dem Gefühl, etwas Bedeutendes zu tun.

Noch etwas Wichtiges möchte ich sagen: Wenn man die Nachrichten einschaltet, wird man von negativer Information überflutet. Ständig hört man von verdorbenen, schlechten Menschen. Meiner Meinung nach trifft das so nicht zu. Die meisten Menschen sind gut und wollen Gutes tun. Die meisten würden einem aufhelfen, wenn man auf der Straße stürzt. grundsätzlich sind Menschen eher gut als böse. Das Problem ist aber, dass die Jugend in den Nachrichten ständig vermittelt bekommt, wir seien alle Schurken, und so verlieren sie ihre Ideale. Sie sind desillusioniert und haben nichts, woran sie noch glauben. Deswegen ist es so wichtig, diesen Trend zu brechen. Mit Filmen, die einen nicht in den Selbstmord treiben (wie viele dieser künstlerischen, deprimierenden Filme), sondern die einen stark machen und mit Hoffnung und Entschlossenheit erfüllen.